Erlöserkirche 1937 - Bildquelle unbekannt. Erlöserkirche im Mai 2026 - Bildquelle Stöhr.
Predigt geschrieben und Audio besprochen von Lektor Herr Rainer Sebastian, Eging am See.
Gnade sei mit euch, von dem der da ist, der da war und der Wiederkommen wird. Lasst uns in der Stille Miteinander und Füreinander beten.
Dir allein, Herr, sei Ehre und Preis in Ewigkeit. -AMEN-
Liebe Gemeinde,
"Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen."
So lautet der Wochenspruch für Trinitatis aus dem 2. Korintherbrief.
Und ich finde: Dieser Satz passt wunderbar zu unserem Kirchenjubiläum. Denn wenn wir heute auf die Geschichte dieser, unserer Kirche schauen, dann sehen wir nicht nur ein Gebäude. Wir sehen nicht nur Mauern, Dach, Altar, Orgel und Bänke. Wir sehen eine Geschichte von Menschen, von Glauben von schweren Zeiten, von Hoffnung und....von Gottes Treue.
Diese Kirche heißt Erlöserkirche. Schon der Name verweist auf Christus. Auf den, von dem Paulus sagt: "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch."
Als diese Kirche errichtet wurde, war die evangelische Gemeinde hier in Niederbayern klein. Evangelische Christen waren hier eine Minderheit. Man hätte damals fragen können: Lohnt sich das überhaupt, für so wenige Menschen eine eigene Kirche?
Aber offenbar haben die Menschen damals anders gefragt. Nicht: Lohnt sich das? Sondern: Was brauchen Menschen, damit ihr Glaube Heimat findet?
Und so wurde diese Kirche gebaut. Nicht aus Überfluss. Nicht, weil alles leicht war. Sondern weil Menschen überzeugt waren: Auch hier soll Gottes Wort einen Ort haben.
Auch hier sollen Menschen beten, singen, getauft, konfirmiert, getraut und getröstet werden.
Dann, begann die schwere Zeit nach dem Krieg. Flüchtlinge und Vertriebene kamen. Viele hatten ihre Heimat verloren. Manche hatten Angehörige verloren. Die meisten besaßen fast nichts mehr. Und plötzlich wuchs die evangelische Gemeinschaft stark an. Aus einer kleinen Diasporagemeinde mit 500 Mitgliedern wurde eine große Aufgabe mit über 15 000 Seelen. Da zeigt sich der zweite Teil des Wochenspruchs: "Die Liebe Gottes sei mit euch."
Diese Liebe Gottes war damals nicht einfach ein schöner Satz. Sie wurde gebraucht. Ganz praktisch. Wenn Menschen nicht wussten, wie es weitergeht. Wenn Kleidung fehlte. Wenn Wege weit waren. Wenn Pfarrer, Lehrer, Organisten und Ehrenamtliche mehr leisten mussten, als man eigentlich erwarten konnte. Mich berührt besonders, wie viel damals improvisiert wurde. Konfirmanden hatten oft keine passende Kleidung. Anzüge waren zu groß. Kleider wurden ausgeliehen. Manches wurde aus einfachen Stoffen oder Decken gemacht. Und trotzdem war die Konfirmation ein tolles Fest.
Und warum?
Weil der Wert eines Menschen nicht davon abhängt, was er besitzt. Sondern davon, dass Gott ihn kennt und liebt.
Auch die Geschichten von den weiten Wegen gehören dazu. Pfarrer Wiedemann fährt mit dem Fahrrad durch den halben Landkreis. 40 Kilometer an Sonntagen. Später bekommt er einen VW-Käfer. Und eines Tages rollt plötzlich während der Fahrt das Vorderrad davon. Einerseits klingt manches heute fast kurios. Andererseitz steckt dahinter eine große Treue. Man kann über solche Andekdoten schmunzeln. Aber man spürt auch: Diese Menschen haben sich durchgebissen. Nicht verbittert. Nicht bequem. Sondern getragen von der Überzeugung: Gott hat uns hier eine Aufgabe gegeben.
Und dann der dritte Teil des Wochenspruches: "Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen."
Das ist vielleicht der wichtigste Satz für ein Kirchenjubiläum. Denn Kirche ist nie nur ein Gebäude. Kirche ist Gemeinschaft. Diese Erlöserkirche wurde nicht nur von Steinen getragen. Sie wurde getragen von Menschen. Von Pfarrern. Von Kirchenvorstehern. Von Organisten. Von Lehrern. Von Frauenkreisen. Von Chören. Von Konfirmanden. Von stillen Helfern, deren Namen heute vielleicht niemand mehr kennt.
Ein Beispiel ist Lehrer Ritzel. Lehrer, Organist, Chorleiter, Lektor, Katechet, Kirchenpfleger. Vieles in einer Person. Heute würden wir wahrscheinlich sagen: Das ist zu viel. Damals war es nötig. Und er tat es. Solche Menschen haben Gemeinde gebaut.
Und auch die ökumenische Hilfe gehörte dazu. Evangelische Christen fanden Unterstützung in einer überwiegend katholischen Umgebung. Evangelische Gottesdienste in katholischen Kirchen. Es gab Gastfreundschaft, offenen Türen, Zusammenarbeit. Auch das ist Gemeinschaft des Heiligen Geistes: Wenn Menschen über Grenzen hinwegsehen, und erkennen was der andere braucht. Dass, war nach dem Krieg nicht selbstverständlich. Auch das gehört zur Geschichte dieser Kirche. Und villeicht ist das eine Aufgabe für uns heute:
Nicht enger zu werden. sondern weiter. Herzlicher. Offener. Menschlicher.
Heute blicken wir dankbar zurück. Aber ein Jubiläum ist nicht nur Rückblick. Es stellt auch eine Frage an uns.
Die Menschen damals hatten wenig und haben viel aufgebaut. Wir heute haben viel und fragen manchmal trotzdem schnell: Was geht nicht? Was fehlt? Warum ist alles schwieriger geworden? Natürlich: Auch heute ist nicht alles leicht. Die Kirche wird kleiner. Vieles verändert sich. Manches macht Sorgen.
Aber vielleicht dürfen wir uns heute von den Generationen vor uns fragen lassen:
Worüber klagt ihr eigentlich? Ihr habt Freiheit, ihr habt Frieden, ihr habt Möglichkeiten,......ihr habt diese Kirche. Ihr habt eine Geschichte, auf der ihr stehen könnt. Und dann kommt die entscheidende Frage:
Was werden spätere Generationen einmal über uns sagen? Werden sie sagen: Damals haben sie viel gejammert, aber wenig gewagt? Oder weden sie sagen: Damals gab es Menschen, die ihre Kirche liebten. Die Verantwortung übernommen haben. Die nicht nur zurückgeschaut haben, sondern den Glauben weitergetragen haben.
Das ist die Aufgabe eines Kirchenjubiläums. Nicht nur zu sagen: Schön, wie es früher war. Sondern zu Fragen: Was ist heute unser Auftrag?
Vielleicht ist er gar nicht so anders als damals.
Dass Menschen hier Heimat finden.
Dass Gottes Wort hörbar bleibt.
Dass Kinder getauft werden.
Dass Jugendliche konfirmiert werden.
Dass Traurige Trost finden.
Dass Zweifelnde nicht allein bleiben.
Dass Menschen spüren: Hier ist ein Ort, an dem ich vor Gott sein darf.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus hat diese Kirche gegründet. Die Liebe Gottes hat sie durch schwere Zeiten getragen.
Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, hat aus vielen Einzelnen eine Gemeinde gemacht. Und darum dürfen wir zuversichtlich sein. Nicht weil wir alles können. Nicht weil wir alles im Griff haben. Sondern weil derselbe Gott, der diese Gemeinde durch die vergangenen Jahrzehnte geführt hat, auch heute gegenwärtig ist.
Darum soll dieser Wochenspruch nicht nur über diesen Sonntag stehen. Er soll über dieser Kirche stehen.
Über ihrer Vergangenheit.
Über ihrer Gegenwart. Und über ihrer/unserer Zukunft:
Die Gnade unseres Herrrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. -AMEN-

Erlöserkirche Innenbereich - Bildquelle ?

