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Vom barmherzigen Postboten   

Vor einigen Jahren las ich irgendwo die Geschichte von einem barmherzigen Postboten. Der lebte und arbeitete in einer kleinen Stadt irgendwo in Europa und kannte alle Leute seines Dienstbereiches und - sagen wir - weil er ein emphatischer Mensch war, auch deren Bedürfnisse.

Immer wenn die Weihnachtszeit näher rückte, wuchs die Menge an Briefen, Päckchen und Paketen, die er auszutragen hatte, rasant an. Und es schien, als warteten die Leute einer ganz bestimmten Straße jeden Tag auf nichts anderes sosehr wie auf ihn bzw. auf das, was er zu überbringen hatte. Er war sehr beliebt und manche Leute riefen ihn auf ein Gläschen Was-auch-immer zu sich herein.

Beobachtete man ihn ein Weilchen, wie er von Haus zu Haus ging, konnte man sehen, dass er an einem kleinen Haus auf eine für Postboten ungewöhnliche Weise vorbeiging: Auf allen Vieren. Warum dies? Nun, dort wohnte eine alte Witwe. Deren Sohn - ein zwar sehr gutmütiger, aber ebenso fauler junger Mann - hatte nie gearbeitet und war, als die Mutter selber nicht mehr arbeiten gehen konnte, ein Auf-nimmer-Wiedersehen abgehauen, womöglich in ein anderes Land. Nie mehr hatte er sich gemeldet. Er soll auch Analphabet gewesen sein. Unser Postbote also brachte es nicht übers Herz, mit seinen Lasten für die alte, einsame Frau sichtbar an deren Fenster vorbei zu gehen, wissend, wie sehnlichst sie auf ein Lebenszeichen ihres einzigen und geliebten Sohnes wartete - allerdings vergeblich.

Deswegen schlich er sich auf diese Weise an ihrem Fenster vorbei. Immer wieder musste er an diese arme Frau denken. Eines Tages kurz vor Weihnachten erbat er sich bei einer Familie, die besonders viel Post auch aus dem Ausland erhielt, einen solchen ausländischen Briefumschlag, änderte die Adresse, legte einen großen Geldschein in den Umschlag, dazu einen Zettel mit den wenigen Worten eines herzlichen Grußes und unterschrieb mit dem Namen des Sohnes jener Frau und verschloss den Brief. Er sah so perfekt echt aus.

Am nächsten Tag ging der Postbote aufrecht am Fenster jener einsamen Witwe vorbeit und klopfte an deren Haustüre. Als dieselbe geöfnnet wurde, sagte er im aufgesetzten Amtston: "Post für Sie! Unterschreiben Sie bitte hier den Empfang!" Die alte Dame unterschrieb und noch in Gegenwart des Postboten öffnete sie den Brief, nahm den Geldschein heraus und las die wenigen, aber umso wertvolleren Zeilen. Sie konnte ihre Freundentränen kaum unterdrücken: "Mein Sohn hat mir geschrieben. Endlich ein Lebenszeichen von ihm. Ich wusste, dass er eigentlich einen guten Kern hat." Der Postbote legte noch eins nach und sagte: "Selbstverständlich hat er einen guten Kern wie die meisten anderen Menschen auch, und jetzt, wo er schreiben kann, hat er das gleich bewiesen. Dieses Ereignis soll sich in der ganzen Straße herumgesprochen haben. Viele Menschen hat es so berührt, dass sie ein Päckchen für die alte Frau gepackt haben, und am letzten Tag vor Weihnachten musste der barmherzige Postbote sie alle bei der armen Witwe abliefern.

Ja, die Advents- und Weihnachtszeit ist schon eine besondere. Da werden Erinnerungen und Sehnsüchte wach, manche Traurigkeit kommt hoch, aber auch Gefühle, die zu Entscheidungen und Taten der Barmherzigkeit führen, um Licht in die Dunkelheiten anderer Herzen zu bringen, und sie mit Freude zu erfüllen. In welches andere Herz möchtest Du solches Licht und solche Freude bringen?

In diesem Sinn wünsche ich ein gesegnetes Christfest!       Manfred Greinke

                                                                            

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